Die Sache mit der Ehrlichkeit.
Posted by | Tanja | Posted on | Oktober 7, 2009 | 10 Kommentare
Ich stelle gerade mal wieder fest, dass die Sache mit der Ehrlichkeit gar nicht so einfach ist. Es gibt Situationen im Leben, aus denen geht man als der “Buhmann” hervor. Egal, ob man die knallharte Wahrheit, eine geschönte Form der Wahrheit, gar nichts oder auch eine abgewandelte Form der Wahrheit (man könnte es auch als Notlüge bezeichnen) sagt. So oder so gefällt die Botschaft dem Empfänger nicht. Was tun? Leider wählen sehr viele Menschen die Version “gar nichts sagen” oder die abgewandelte Form der Wahrheit. Warum leider? Gar nichts sagen zeugt von Respektlosigkeit. Das Gegenüber fühlt sich möglicherweise wie “ich bin es nicht wert, das man mir reinen Wein einschenkt”. Wie ich finde, die Traurigste der Versionen. Ich habe gelernt damit umzugehen, weil die Welt voll ist von Menschen, die nicht den Mut – ich könnte auch sagen “die keine Eier in der Hose haben” -, zu sagen, was los ist, was geschehen ist. Mir tun diese Menschen Leid, denn sie haben noch nicht für sich entdeckt, wie gut es tut, die Wahrheit zu sagen. Wie angenehm es ist, wenn man seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf lässt. Auch die Erfahrung, dass der Empfänger der Botschaft dankbar für die Ehrlichkeit ist, kann sehr bereichernd sein. Sicherlich gibt es oft genug auch den Fall, dass die Ehrlichkeit nicht gebührend bewertet wird. Dann sind die Verletztheit und der Schmerz größer als die Erkenntnis, dass die Wahrheit etwas Gutes ist. Eine Einsicht kommt sehr oft mit der Zeit. Die knallharte Wahrheit tut für einen Moment weh, aber der Empfänger kann etwas daraus ziehen. Er kann die Botschaft reflektieren, sich die Frage stellen, ob das zutrifft und wenn ja, etwas ändern. Der Schmerz kann tief sitzen, aber die Verletzung ist längst nicht so groß wie die Nichtachtung und die Respektlosigkeit des Schweigens. Ich habe gelernt mit der Wahrheit umzugehen, sie zu schätzen und auch wenn mein Gegenüber trotzdem böse, sauer, enttäuscht, verletzt ist, so kann ich mich im Spiegel ansehen und weiß, dass ich ehrlich war. Ich schätze Menschen sehr, die mir sagen was sie denken und fühlen (insbesondere, wenn es mich betrifft). Wenn man genau hinhört und hinsieht, merkt man auch, ob es das Gegenüber gut meint oder verletzten will. Ich wünsche mir mehr Offenheit und Ehrlichkeit und ich arbeite jeden Tag an mir, um meinem Wunsch selbst gerecht zu werden.
Comments
10 Comments to “Die Sache mit der Ehrlichkeit.”
Leave a Reply



Oktober 7th, 2009 @ 10:21
Schwieriges, aber gutes Thema. Ich versteh den Ansatz und teile ihn, aber … es gibt einfach Wahrheiten, die machen mehr kaputt als sie bringen. Bspw. Wahrheiten, die sich nur im Kopf abspielen. Der Klassiker am Abend bei der Einladung zum Dinner: “Liebe Gastgeberin, in dem Kleid sehen sie wirklich fett aus” mag wahr sein und ehrlich, bringt aber keinem so richtig was.
Bedingungslose Ehrlichkeit halte ich daher für wenig zielführend, im Gegenteil verstecken sich manche hinter dem “ich bin nur ehrlich”, weil sie nicht gelernt haben (oder lernen wollen), wo Höflichkeit und auch Rücksicht anfängt. Immer seine Ehrlichkeit vor sich herzutragen mag als Ideal erscheinen, ist aber in Wirklichkeit auch purer Egoismus.
Den Weg zu unterscheiden, wann man sich nur vor der Wahrheit fürchtet und einem nur “die Eier fehlen” und wann man besser mal die Klappe hält, muss jeder im Leben für sich selbst finden.
Oktober 7th, 2009 @ 10:43
Danke für deinen Kommentar. Ich gebe dir auch weitestgehend Recht. Ich unterscheide absolut zwischen Ehrlichkeit und Höflichkeit und die Sache mit der Dinnereinladung fällt für mich in die Kategorie “Höflichkeit”. Ehrlichkeit wäre in diesem Fall tatsächlich unangebracht und verletzend.
Wie du schon sagst, ein schwieriges Thema. Ein Fortschritt ist es aber schon, wenn man sich überhaupt die Frage stellt, warum will ich jetzt nichts sagen? Ist es Höflichkeit? Ist es Feigheit? Oder gehe ich einfach den Weg des geringsten Widerstands. Augen zu. Ohren zu. Mund zu. Ich kann dich nicht sehen und hören. Du mich auch nicht.
Oktober 7th, 2009 @ 11:18
“Wenn Du ein Arschloch brauchst, nimm mich.”
So oder so ähnlich kann man es halten. Und ja, wenn man ehrlich ist, läuft man Gefahr, dass der Andere damit nicht umgehen kann und in ihm das Gefühl der Verletzheit entsteht. Aber der Andere hat zumindest eine Wahl und kann sich überlegen, ob er diesem Gefühl folgen will oder nicht. Man behandelt ihn mündig und eröffnet dadurch Wahlmöglichkeiten. Auch die Möglichkeit, Dich für ein Arschloch zu halten.
Aber auch das ist eine Möglichkeit. Man braucht ab und an ein Arschloch, um die Dinge erkennen zu können, bei denen man sich schwer tut selbst klar zu sehen. Und unabhängig davon, ob der Andere nun ein Arschloch ist, dient die Ehrlichkeit dazu, weiter zu kommen. Also, hell yeah, wenn das bedeutet, ein Arschloch zu sein in den Augen eines Anderen, dann kann man es getrost auf sich nehmen … es bringt Dich selbst und den Anderen weiter
Ansonsten gilt natürlich zum Thema “Kleid und fett” Omas alter Leitsatz: “Man muss nicht alles sagen, was wahr ist, aber was man sagt muss wahr sein.”
Ja, spannendes Thema
Naja, dass hilft zumindest in der ersten Runde der Frage
Oktober 7th, 2009 @ 11:28
Schön die Verdeutlichung mit den Wahlmöglichkeiten. Ich bin nicht gerne ein oder das Arschloch, aber ich bin ganz deiner Meinung. So gesehen bin ich lieber eins.
Man ist ja nicht zu jedem und willkürlich ehrlich und wahrhaftig. Wenn es um große Wahrheiten geht, kennt man das Gegenüber doch meistens besser und umgekehrt. Wie schade, wenn man dann nicht ehrlich sein kann. Wie gesagt, die Art und Weise, die Körpersprache, die Augen … all das und noch mehr zeigen mir, ob die ehrliche Person ehrlich ist, um ein Thema zu besprechen, evtl. zu bearbeiten oder zu beseitigen. Oder ob es nur darum geht, mit dem nassen Lappen um sich zu schlagen und zu verletzen.
Oktober 7th, 2009 @ 11:48
Ich mach mal noch ein Beispiel, an dem ich immer hängen bleibe: Da kommt ein Freund/eine Freundin zu Dir und hat schwere Sorgen und muss reden. Du hast aber a) gerade überhaupt keinen Sinn für und b) geht dir die Person eigentlich eh auf den Nerv oder c) kommt das Thema, so tragisch es auch sein mag, einfach nicht an dich ran, weil du gerade nur dein neues iPhone lieber ausprobieren möchtest.
Jetzt kann man “Arschloch” sein und das demjenigen auch sagen – und dann ist man auch eines, in aller Ehrlichkeit gesagt …
Oktober 7th, 2009 @ 12:01
Ohohohohhoho … wenn ein Freund (ein echter und guter) zu mir kommt (wie du beschrieben), mit einem Problem, dann würde ich das iPhone sehr gerne aus der Hand legen und meine Aufmerksamkeit meinem Freund/Freundin schenken.
Wenn ich keinen Sinn hätte, würde ich jedoch zumindest zuhören, mein Gegenüber reden lassen. Wenn die Person mir eh auf den Geist geht, kann ich auch ein Arschloch sein. Oder?!?
Wenn ich aber zu einem guten Freund mit Sorgen komme und dieser Freund sagt und zeigt mir, dass es ihm gerade wichtiger ist, mit seinem iPhone zu spielen (oder whatever), dann ziehe ich gerne davon und dann denke ich auch kurzzeitig darüber nach, was das für ein Freund ist. Die Antwort wäre für mich ganz einfach. Und … einem Freund kann man auch mal sagen, dass man gerade gar keinen Nerv, Sinn o. Ä. hat. Er wird es verstehen. Du machst mit dem Freundschaftsthema ein neues, sehr weitreichendes Feld auf. All diese Dinge hängen doch ganz stark damit zusammen, wie wir die Themen Freundschaft, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit etc. für uns selbst definieren.
Aber eins muss ich noch loswerden: Wenn mir Freunde nach dem Mund reden, mir zustimmen etc. helfen sie mir nicht weiter. Hin und wieder ein Freund-Arschloch kann sehr, sehr hilfreich sein!
Oktober 7th, 2009 @ 12:37
puh ! Wie war das nochmal im Mittelteil ?
Oktober 7th, 2009 @ 22:43
@Kris: brauchst du vielleicht Konzentrationscoaching *grins*
Oktober 8th, 2009 @ 12:12
Ich finde, es kommt auch immer darauf an, wie und in welchem Ton man es seinem Gegenüber mitteilt. Es gibt unglaublich viele Menschen ohne Taktgefühl, das ist erschreckend. Wenn man Wahrheiten zu direkt ausdrückt, erreicht man, dass sich die betreffende Person aus Scham oder Trotz zurückzieht. Man kann Menschen mit Worten förmlich erschlagen und dann ist niemandem geholfen. Ich finde es wichtig, ehrlich zu sein, aber man muss die Wahrheit auch nicht vor sich hertragen, wie eine Trophäe. Und das mit der “fetten” Gastgeberin ist keine Wahrheit, sondern eine Meinung und ist auf keinen Fall in den gleichen Topf zu werfen.
Allerdings ist es sinnvoll zu sagen, wenn einen etwas stört, gerade in einer Beziehung, denn der andere merkt sowieso, dass etwas nicht stimmt und wenn man es in sich hineinfrisst, kommt es irgendwann in vervielfachter Konzentration herausgeschossen.
Oktober 8th, 2009 @ 16:01
Absolut. Der Ton macht die Musik. Da stimme ich dir zu. Die Ehrlichkeit in einer Liebes-Beziehung ist so mit das Schwierigste. Insbesondere wir Frauen sind da nicht so einfach zu nehmen. Oftmals wollen wir ja doch nur die Bestätigung unserer Meinung von unserem Partner hören. Die Frage “Schatz, soll ich das rote oder schwarze Kleid anziehen?” kann zum Eklat führen. Weil sie sich schon für das rote entschieden hat und er sagt “schwarz”. Meeep. Falsche Antwort.
Aber wenn es um’s Lügen geht, schätze ich auch, dass man es merkt, weil man seinen Partner doch irgendwann kennt. Allerdings gibt es auch die Fraktion der eiskalten “Ins-Gesicht-Lügner”. Wie auch immer. Es ist und bleibt ein heikles Thema.