Die Magie der Liebe – von Paulo Coehlo
Posted by | Tanja | Posted on | Juni 19, 2011 | Keine Kommentare
Die Griechen waren große Meister darin, das menschliche Verhalten in kleinen Geschichten zu beschreiben, die wir gemeinhin “Mythen” nennen. Sie dienen nachfolgenden Generationen immer wieder als Quelle. Man denke nur an Sigmund Freud und den Ödipuskomplex und in neuester Zeit an den Hollywoodfilm “Matrix” und die darin auftretende Gestalt “Morpheus”.
Ganz besonders nachdenklich stimmte mich immer der Mythos von Psyche. Es war einmal … eine schöne, von allen bewunderte Prinzessin, um deren Hand jedoch niemand anzuhalten wagte. Verzweifelt wandte sich ihr Vater, der König, an den Gott Apollo. Dieser sagte ihm, man solle Psyche in Trauerkleidern auf einen Berg führen und dort allein zurücklassen. Noch vor Tagesanbruch werde ein Ungeheuer zu ihr kommen und sie zur Frau nehmen. Der König gehorchte, und die ganze Nacht lang wartete die Prinzessin oben auf dem Berg ängstlich und halbtot vor Kälte auf die Ankunft ihres Mannes.
Am Ende schlief sie dennoch ein. Als sie erwachte, fand sie sich, in eine Königin verwandelt, in einem schönen Palast wieder. Jede Nacht suchte ihr Mann sie auf, sie schliefen miteinander, aber er hatte ihr eines zur Bedingung gemacht: Psyche werde jeder Wunsch erfüllt, sie müsse nur unbedingtes Vertrauen zu ihm haben und dürfe niemals sein Gesicht sehen.
Lange Zeit war die jung Frau glücklich. Sie genoss die Bequemlichkeiten und verliebte sich immer mehr in den Mann, der sie jede Nacht aufsuchte und ihr so viel Zuneigung und Zärtlichkeit entgegenbrachte. Gleichzeitig überkam sie hin und wieder die Angst, mit einem Ungeheuer verheiratet zu sein. Eines Nachts, kurz vor Tagesanbruch, als ihr Mann noch schlief, beleuchtete sie mit einer Laterne das Bett. Und sah Amor, einen Mann von unglaublicher Schönheit, neben sich liegen. Das Licht weckte ihn auf, er sah, dass die Frau, die er liebte, außerstande war, seinen einzigen Wunsch zu erfüllen, und verschwand.
Immer wenn ich an diese Geschichte dachte, fragte ich mich: Dürfen wir denn nie das Gesicht der Liebe sehen? Es musste viel Wasser unter der Brücke des Lebens hindurchfließen, bis ich begriff, dass die Liebe ein Akt des Vertrauens in einen anderen Menschen ist und ihr Antlitz in ein Geheimnis gehüllt bleiben muss. Die Liebe muss jeden Augenblick gelebt und genossen werden, aber immer wenn wir versuchen, sie zu begreifen, verschwindet ihre Magie.
Als ich das akzeptiert hatte, konnte ich auch zulassen, dass mein Leben von den “Zeichen” geleitet wird, dieser erstaunlichen Sprache, durch die die Welt zu uns spricht. Höre ich auf sie, führt sie mich zu den intensivsten, leidenschaftlichsten, schönsten Erlebnissen. Das ist selbstverständlich nicht einfach, und manchmal fühle ich mich wie Psyche auf dem Felsen, voller Angst und Furcht. Gelingt es mir aber, diese Nacht hinter mich zu bringen, mich dem Mysterium und dem Glauben ans Leben hinzugeben, dann erwache ich immer in einem Palast. Man muss nur auf die Liebe vertrauen, auch wenn man Gefahr läuft, sich zu irren.
Der griechische Mythos endet folgendermaßen: Psyche versucht verzweifelt, ihre Liebe wieder zurückzuerlangen, und ist deshalb auch bereit, sich einer Reihe von Aufgaben zu unterziehen, die Venus ihr auferlegt. So muss Psyche zu Proserpina, der Göttin des Totenreichs, gehen, um dort ein Fläschchen mit Schönheitssalbe zu holen. Auf dem Rückweg kann Psyche nicht widerstehen. Sie öffnet das versiegelte Fläschchen und fällt von dem betäubenden Geruch in einen Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwacht. Doch auch Amor ist verliebt, er bereut es, so engherzig mit seiner Frau umgegangen zu sein. Es gelingt ihm, Psyche zu finden, sie mit der Spitze seines Pfeils aus ihrem tiefen Schlaf zu wecken, und er sagt zu ihr: “Deine Neugier hat dich fast dein Leben gekostet.” Psyche hatte geglaubt, im Wissen Sicherheit zu erlangen, fand aber nur das Gegenteil.
Beide gehen zu Jupiter, und flehen ihn an, ihre Verbindung unsterblich zu machen. Jupiter setzt sich für die beiden Liebenden ein, und es gelingt ihm sogar, die Zustimmung von Venus zu erwirken. Von diesem Tag an sind Psyche (die Essenz des menschlichen Wesens) und Amor (die Liebe) für immer zusammen. Wer das nicht akzeptieren kann und nach einer Erklärung für die Magie und das Geheimnis menschlicher Beziehungen sucht, wird das Beste, was das Leben ihm geben kann, verlieren.
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