Aus aktuellem Anlass – das Leben jetzt leben.
Posted by | Tanja | Posted on | Oktober 23, 2012 | Keine Kommentare
“Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das große vergeblich warten.” Pearl S. Buck
Dieser Post beruht auf einer wahren, aktuellen Lebensgeschichte und weil ich die Person weder namentlich nennen, noch die Fakten darum ausbreiten möchte, erfinde ich eine Person und ihre Umstände neu. Die Geschichte ist jedoch authentisch.
Es geht um – sagen wir – Ralf. Er ist knapp über 40 Jahre jung, hat einen Job im Rhein-Main-Gebiet, den er sehr gerne macht, der ihn aber auch zeitweise auffrisst, hat eine chice Wohnung und das nötige Kleingeld, um sich ein traumhaftes Leben zu gestalten. Bis vor kurzem war Ralf in einer langjährigen Beziehung, die sich für mich immer gut anhörte, wenn er davon erzählte. Ursprünglich wohnte Ralf in Hamburg und weil ihm seine Wohnung dort so gut gefällt, hatte er sich überlegt, sie auch weiterhin zu mieten. Das machte es dem Paar auch möglich, immer mal wieder spontan für ein Wochenende nach Hamburg zu fahren, um die alte Heimat zu genießen.
Dann kam leider das Beziehungs-Aus. Ich war sehr überrascht als Ralf mir davon erzählte, denn normalerweise sprechen Menschen hin und wieder darüber, wenn es in der Beziehung kriselt. Insbesondere dann, wenn ich die Menschen schon länger kenne und wir ein vertrautes Verhältnis haben. Nun, es traf mich sehr und ich konnte spüren, dass Ralf am Boden zerstört war. Anfangs hatte er es noch gar nicht begriffen. Erst nach einiger Zeit, als er anfing offener über die Trennung und die Umstände, die dazu geführt hatten, zu sprechen, wurde es ihm klarer und der Schmerz saß sehr, sehr tief.
Was nun? Es gab so viele Dinge zu entscheiden. Die große Wohnung hier, in der beide zusammen wohnten, die Wohnung in Hamburg, die gemeinsame Katze … das ganze Leben musste auf einmal umgestellt werden.
Heute – nach ein paar Wochen – spüre und nehme ich war, dass Ralf sich stark mit dem Thema auseinander gesetzt hat und er ist viel offener geworden und zeigt auch seine tiefe Verletzung, aber er hat irgendwie aufgehört zu leben. Er lacht nicht mehr, seine Augen sind traurig und sein kleiner Schelm im Nacken ist weg. Er musste die Katze abgeben, will sich eine klitzekleine Wohnung im Raum Frankfurt suchen, weil er die Wohnung in Hamburg halten möchte und redet nur noch von “2014 wird alles anders”. Ich kann es immer gar nicht fassen, wenn er das sagt, denn das hört sich so an, als warte er mit seinem Leben bis 2014 – dann, wenn er wieder nach Hamburg – in sein Wohlfühl-Domizil – zurück zieht und alles wieder gut ist. Und was ist mit der Zeit dazwischen? Und wird es denn in Hamburg alles wieder gut sein?
Ich bin sehr traurig, denn ich habe selten jemanden gesehen, der so wenig am Leben teilnimmt wie er im Moment. Was ist, wenn morgen die Welt untergeht, wenn der Schlag ihn trifft … was auch immer passiert, dann hat er die letzte Zeit verpasst zu leben. Ein Leben, das so wunderschön und voller schöner Überraschungen und Möglichkeiten sein kann.
Wir haben uns lange unterhalten und ich wünsche mir sehr, dass ich zu ihm durchgedrungen bin. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die ihm zu einem schönen Leben zurückbringen: 1. Die Stadt und das Leben zu akzeptieren, in der/dem er aktuell lebt und jeden Tag aufs Neue zu versuchen, das Beste daraus zu machen oder 2. Zelte abbrechen, Job kündigen, neuen Job in Hamburg suchen und ganz schnell wieder zurück zu gehen. Alles andere dazwischen ist kein Leben. Das ist Warten und wenn es ganz schlimm läuft, kommt er 2014 in Hamburg an und alles ist anders, alles hat sich verändert und … und dann … dann stellt er fest, dass es egal ist, wo und wie man lebt. Es kommt darauf an, welche Einstellung man dazu hat, was man daraus macht und wie man daran arbeitet, es zu verändert, weil man evtl. etwas anderes will.
Ich kenne einige Menschen, die mir immer von ihren großen Zielen erzählen, die den Weg dorthin fast nicht erleben, weil sie nur funktionieren, aber nicht leben. Ich selbst habe eine solche Zeit durchgemacht. Mit jungen 26 Jahren hatte ich nur ein Ziel vor Augen und habe fast alles dafür getan. Ich arbeitete Tag und Nacht und hatte kaum noch soziale Kontakte (außer die im Job), die Agentur war mein Zuhause. Meine Freunde riefen nicht mehr an und meine Familie lächelte nur noch, wenn sie mich zu einem Fest einluden (na ja, sie kommt ja eh nicht). Als ich mein Ziel erreicht hatte (und ja, es ging unglaublich schnell, weil ich nichts anderes mehr tat), spürte ich nichts. Ich hatte es mir vorher in Farben ausgemalt, sah mich glücklich und zufrieden “die Schufterei hat sich gelohnt” und dann … dann war da nichts. Ja, ich war an diesem Zielpunkt angekommen, aber da war kein “Yeah, HipphippHurra, Juhuuu oder was auch immer”. Ich habe daraus gelernt und auch, wenn ich manchmal viel gearbeitet habe oder auch immer noch viel arbeite, so mache ich es bewusst. Ich bremse mich selbst manchmal und wenn ich merke, dass ich zuviel Speed aufgenommen, zu wenig Zeit für mich habe, dann packe ich mich selbst am Schlafittchen und pfeife mich zurück.
Lebt jetzt und heute. Weder gestern, noch morgen. Dieser Augenblick kommt nie wieder und niemand weiß, was morgen ist.
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